Christliche Diaspora
In frühchristlicher Zeit
- Das Wort "Zerstreuung" taucht auch im Neuen Testament auf (Joh 7,35). Der erste Petrusbrief richtet sich an "die auserwählten Fremdlinge, die verstreut wohnen in Pontus, Galatien, Kappadozien, der Provinz Asien und Bithynien", also an frühchristliche Gemeinden außerhalb Palästinas. Die Apostelgeschichte berichtet von Christen, die aus Jerusalem fliehen mussten und sich "in die Länder Judäa und Samarien" zerstreuten.
In nachreformatorischer Zeit
- Im Zusammenhang mit der Reformation erhielt der Begriff neues Gewicht. Der Augsburger Religionsfriede von 1555 begründete die Territorialkirchenherrschaft; fortan entschied der Landesfürst über die Konfessionszugehörigkeit seiner Untertanen. Das erst im Nachhinein entstandene Schlagwort lautet cuius regio, eius religio (wessen Gebiet, dessen Religion). Untertanen mussten entweder die Konfession annehmen, für die sich ihr Landesfürst entschieden hatte, oder aber auswandern. Dies setzte einerseits große Migrationsbewegungen in Gang, die zur Gründung neuer Gemeinden in fremden Regionen führten, andererseits blieben an manchen Orten - zum Beispiel in Reichsstädten - auch konfessionelle Minderheiten übrig.
Diaspora und Mission
- Zu ähnlichen Erscheinungen kam es im Zuge der Gegenreformation und der Industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts. Da Diasporagemeinden sich als Minderheiten einer Mehrheit gegenüber behaupten müssen, sind sie naturgemäß bestrebt, neue Mitglieder zu gewinnen. So vergrößerten sich die jüdischen Diasporagemeinden im Mittleren Osten nicht zuletzt durch Konvertiten. Diasporagemeinden bieten die Möglichkeit, den Verkündigungsauftrag der Kirchen in Minderheitsregionen über die Angehörigen der jeweiligen Gemeinde hinaus wahrzunehmen, also zu missionieren.
Institutionen zur Unterstützung christlicher Diasporagemeinde
- Im 19. Jahrhundert entstanden erstmals Stiftungen, die sich seitdem der Diasporagemeinden annehmen. Die beiden größten Werke zur Unterstützung christlicher Diasporagemeinden sind heute das katholische Bonifatiuswerk und das evangelische Gustav-Adolf-Werk. Beide kümmern sich sowohl um die Belange der Binnen- als auch um die der Auslandsdiaspora und sind daher in vielen Teilen der Erde präsent. Das Bonifatiuswerk wurde 1849 in Regensburg unter dem Namen Bonifatiusverein gegründet. Es unterstützt Katholiken in Regionen, in denen diese eine deutliche Minderheit bilden, also zum Beispiel im Norden Deutschlands und Europas, aber auch in Estland und Lettland. Neben finanzieller Unterstützung von Kinder- und Jugendarbeit und der Bereitstellung von Mitteln für den Bau von Kirchen bildet das Werk auch Priester aus, die in den betreffenden Regionen als Seelsorger zur Verfügung stehen und dafür sorgen, dass die Katholische Kirche ihren Verkündigungsauftrag erfüllt. Ähnlich arbeitet das 1841 als Gustav-Adolf-Stiftung gegründete Gustav-Adolf-Werk, das seit 1946 zu den Werken der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) gehört. Das Gustav-Adolf-Werk engagiert sich unter anderem in Belgien, Frankreich, den baltischen Staaten und vielen Ländern Lateinamerikas. Die lutherische Schwesterorganisation des GAW heißt Martin-Luther-Bund.
Quelle: wissen.de
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